Wenn das Unternehmen geht: Was hält die Familie zusammen?
Shownotes
Dr. Marcel Megerle berät Unternehmerfamilien bei Nachfolge, Family Governance und der Gestaltung gemeinsamer Vermögensstrukturen. In dieser Folge von „For Professional Investors Only“ spricht er mit Malte Dreher darüber, was passiert, wenn Unternehmen und Vermögen von einer Generation auf die nächste übergehen.
Warum fällt erfolgreichen Unternehmern das Loslassen so schwer? Wann ist eine Nachfolge fair, auch wenn sie finanziell nicht vollkommen gleich ist? Was gehört in eine Familienverfassung? Welche Rolle spielen Ehepartner, Patchwork-Familien und unterschiedliche Lebensentwürfe? Und wie verändert sich eine Familie, wenn nach einem Unternehmensverkauf plötzlich das Vermögen und nicht mehr der Betrieb im Mittelpunkt steht?
Was Hörerinnen und Hörer mitnehmen
– Warum Nachfolge in Unternehmerfamilien häufig an der Kommunikation und nicht am Testament scheitert – Weshalb eine faire Vermögensnachfolge nicht zwangsläufig eine rechnerisch gleiche sein muss – Warum das Loslassen für Unternehmer nach Übergabe oder Verkauf so schwierig sein kann – Was eine Familienstrategie von einer Familienverfassung unterscheidet und warum diese „leben“ muss – Welche Rolle Ehepartner, Patchwork-Familien und unterschiedliche Lebensentwürfe in der Family Governance spielen – Was sich verändert, wenn aus einer Unternehmerfamilie nach dem Exit eine Investorenfamilie wird – Warum auch der Ausstieg einzelner Familienmitglieder aus gemeinsamen Vermögensstrukturen mitgedacht werden sollte – Welche zentrale Frage Familien beantworten müssen: Ist die Familie für das Vermögen da oder das Vermögen für die Familie?
Zitat der Folge: „Ist die Familie für das Vermögen da oder das Vermögen für die Familie?“
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Marcel Megerle Ich hatte öfters die Frage, was schreibe ich denn jetzt auf meine Visitenkarte, nachdem ich das Unternehmen verkauft habe, weil ich muss meine neue Identität finden. Und das Loslassen ist natürlich extrem schwer. Diese Unternehmer haben dann oft nichts anderes neben dem Unternehmen und müssen diese neue Lebenssituation dann erst aufbauen. Wir beobachten häufig, dass die Vermögen nicht teilbar gestaltet sind. Das heißt, wenn ich ein operatives Unternehmen habe, kann ich ja nicht die Marketing-Abteilung in einer Hälfte durchschneiden und sagen, du bekommst jetzt die Hälfe der Marketing- Abteilung, die kannst du veräußern und bist dann frei.
Speaker 2 For Professional Investors Only, ein gemeinsamer Podcast von Das Investment und dem Private Banking Magazin.
Christoph Fröhlich Risikohinweis. Die Inhalte dieses Podcasts beinhalten keine Kaufempfehlungen, sondern dienen ausschließlich der Information und Unterhaltung. Es handelt sich dabei um keine Anlageberatung. Und jetzt geht's los.
Malte Dreher Moin Christoph. Moin Malte. Christoph, auf dem Private Banking Kongress hatten wir ja ein Panel zu den Herausforderungen der Next-Gen, also Vermögenstransformation, Familienunternehmensverkauf, was man im Banking, im Family-Office-Geschäft und in der Beratung da alles beachten muss.
Christoph Fröhlich Genau, da hatten wir ja mit mehreren gesprochen und ging ja nicht nur um die Seite, dass jetzt Vermögen übertragen werden, sondern natürlich auch, dass damit unter auch der Berater ausgewechselt wird und wie man da vielleicht schon frühzeitig den Nachwuchs, ja, bindet.
Malte Dreher Genau, es ging ein Stück weit so um eine gestalterische Ebene, was danach passiert, ob das ein Exit ist oder einfach eine nächste Generation übernimmt. Und da saß auch Dr. Marcel Meggele, der kommt aus Zürich, entstammt selber einer sehr großen und alten Unternehmerfamilie und hat mit seiner Unternehmung, mit Futun, eine Beratungsgesellschaft für Familienunternehmen. Der wird aber auch gerufen, wenn es heikel wird, wenn's etwa darum geht, zwei Brüder sollen ein Unternehmen... ... Übernehmen, weiterführen. Und dann sagt einer, ja, mache ich gerne, aber nicht mit dem. Also wenn es irgendwo darum geht, hier müssen wir was retten, dann ist er dran. Wenn es darum geht, wie setze ich eine Familienkarte auf, ist er daran. Und dadurch, dass er das selber erlebt hat, also er ist früher als Kind auch mit einem Bobbycar durch die Werkshallen des produzierenden Gewerbes seines Vaters gefahren, weiß er am Ende des Tages, worum es geht.
Christoph Fröhlich Ja, spannend. Ich kann mir auch vorstellen, dass da natürlich gerufen wird, wenn auch einfach mal alle entscheiden, keine Ahnung, es ist vielleicht drei Kinder und einer will gern verkaufen, einer will weitermachen und der dritte hat irgendwie gar keine Meinung und dann überlegt man wahrscheinlich auch, ja teilt man das Vermögen jetzt auf oder kriegt man sich da irgendwie so zusammengerottet oder eine Agenda hin, dass alle irgendwie happy sind. Also kann man sich schon auch vorstellen dass man da intensive Gespräche hat.
Malte Dreher Absolut und ganz genau zu solchen Themen wird er gerufen und das haben wir auch besprochen und das geht eben auch darum, wie findet teilweise in diesen Unternehmerkreisen eine Partnerschaft statt. Weißt du, die beiden können ja in Singapur studieren, lernen sich da kennen als Studentinnen und Studenten und dann muss er zurück irgendwo nach Paderborn und sie kommt eigentlich aus Kalifornien und holt die mal nach Padaborn. Also, da geht es auch um kleine persönliche Geschichten, darüber hat er auch promoviert. Adob! Prima Gespräch und ganz feiner Kerl.
Christoph Fröhlich Zum Thema dann eigentlich gar nicht einladen können. So ist es.
Malte Dreher Dann würde ich sagen, wir hören da mal rein. Fünf Sterne an uns bitte und gute Unterhaltung. Marcel, lass uns ein bisschen mit deiner Biografie kurz anfangen. Du kommst selber aus einer Unternehmerfamilie. Wann hast du in deinem Umfeld verstanden, dass Unternehmen und Familie mit unter zwei völlig unterschiedliche Systeme sind? Ich glaube, ich habe das da.
Marcel Megerle An dem Punkt verstanden, als ich mit dem Bobbika durch die Produktionshalle gefahren bin und dann es einen Lebenszyklus in der Familie bei uns gab, dass mein Vater entschieden hat, das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln, um die Mitarbeiter zu Mitunternehmern zu machen und dann relativ viel Interesse bekommen hat und dann das Unternehmen 1989 auch veräußert hat. Und dann habe ich mit meinem Bruder, glaube ich, ganz gut feststellen können, der vier Jahre jünger ist als ich. Dass sich so ein mentales Modell einer Unternehmerfamilie zu einer Investorenfamili verändert. Weil meine Familie dann eine kleine Family Offer Struktur auch aufgebaut hat und das war glaube ich so die Erkenntnis, dass diese beiden Welten fast nicht voneinander trennbar sind. Warum?
Malte Dreher Warum hat dein Vater verkauft?
Marcel Megerle Ich glaube, weil er mit der Grenzöffnung zur ehemaligen DDR hätte wachsen können müssen und diesen Schritt nicht wollte, sondern dass ein guter Zeitpunkt war, sich dann vielleicht auch nochmal in andere Themen hinein zu begeben, als nur das Produzierende, was wir gemacht haben.
Malte Dreher Hättest du heute gerne deine eigenen Kinder auf dem Bobbycar durch eine Halle düsen sehen? Im Kopfkino f-
Marcel Megerle ich das vielleicht gar nicht so verkehrt. Und gleichzeitig wünsche ich Ihnen, und das war, glaube ich, auch die Idee meiner Eltern, die maximale Freiheit sich für das entscheiden zu können, was wirklich Ihren Potenzialen entspricht und nicht ein generationales Erbe übernimmt.
Malte Dreher Zu müssen. Was passiert deiner Meinung nach mit einem Menschen, der ja Unternehmer ist? Das ist ja ein ganz bestimmter Schlagmensch. Was passierte mit dem, wenn er auf die Investorenseite wechselt?
Marcel Megerle Also ich glaube, erstmal sollte er zwei Jahre nichts machen, sondern sich einfach mal zurücklehnen. Das ist jetzt übertrieben gesagt, aber ich glaube er sollte dieses Aktionistische einmal für sich neu sortieren, weil natürlich die oft auch in so ein gewisses Loch fallen. Ich hatte öfters die Frage, Herr Megale, was schreibe ich denn jetzt auf meine Visitenkarte, nachdem ich das Unternehmen verkauft habe, weil ich muss meine neue Identität finden. Ob die das dann mitten in ihrem Leben machen oder am Ende ihres Lebens, weil sie das operative Unternehmen übergeben. Also diese Identitätsfrage besteht bei beiden. Und ich glaube, da müssen sie sich gut neue sortieren, um dann nach zwei Jahren auf das einzugehen, wo sie große Lust haben, sich zu beteiligen und ihr Wissen und ihr Kapital weiterzugeben.
Malte Dreher Was ist denn die schönere Welt, die des Unternehmers oder die des Investors?
Marcel Megerle Ich glaube beides ist richtig schön gestaltbar, weil wenn ich eine unternehmerische Freiheit habe, kann ich die auch als Investor ausleben und kann vielleicht diversifizierter tätig sein und glaube, dass ich auch da unternehmerisch frei bin in meinen Entscheidungen, wenn auch mit einem anderen Vehikel. Also ich bin vielleicht etwas fluider, etwas gestaltfreier, als wenn ich dieses Unternehmen habe und auch das ist immer eine Frage der nächsten Generation, ob die Bock auf Jesus! Unternehmen haben. Die Identität ist ja meist mit dem Gründer dann an die nächste und übernächste Generation weitergegeben, aber wir haben in unseren Nachfolgefragen auch ganz oft die Frage, will ich das dann wirklich? Ist das das Richtige für mich? Ist die Branche das Produkt, die Dienstleistung das Richtigen, was ich in meinem Leben dann auch gestalten möchte?
Malte Dreher Ich habe einen Freund aus Schulzeiten, der hat das Unternehmen der Eltern übernommen, auch lange mit dem Vater zusammengearbeitet und unternehmen ein sehr großer Mittelständler. Während ich Germanistik studiert habe, ist der da über die Flure des Unternehmens schon gegangen und der hat mich beneidet zu machen, was ich möchte. Das tut er heute teilweise noch. Ist das die Last des Unternehmer auch teilweise?
Marcel Megerle Also ich habe in meiner Doktorarbeit mir die Lebenspartnerwahl von Familienunternehmern angeguckt und habe da auch viele nachfolgende Generationen befragt und die haben zum Teil gesagt, ich gehe gerne irgendwo international studieren, weil die Hoffnung einen Partner zu finden, der vielleicht ein bisschen attraktiver ist als die Kommilitonen bei mir aus dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, ist größer. Den aber dann in mein Dorf mitzubringen, weil ich diejenige bin, die die Nachfolge antritt, ist natürlich auch nochmal eine spannende Frage. Das ist sehr... Habe ich einen größeren Pool einer Partnerwahl im Studium. Und dann muss ich den aber überzeugen, wieder in mein, vielleicht infrastrukturell schwächeres Dorf zurückzuziehen.
Malte Dreher Marcel, du sagst sinngemäß, dass eine Nachfolge selten am Testament scheitert, sondern häufig an der Kommunikation. Was sind denn die typischen, wenn man so will, Monster unter dem Teppich, die du in Unternehmerfamilien findest?
Marcel Megerle Also, über diese Monster kann man stolpern und kann sich da auch ganz schön wehtun. Wir haben jetzt gerade zwei Testamentsvollstreckungen, die wir begleiten, wo das Testament eröffnet worden ist. Und dann ist natürlich die Überraschung groß, wie die Vermögensanteile übertragen werden. Und in unserer Arbeit sagen wir oft, dass es eine gerechte Nachfolge nicht eins zu eins geben kann. Weil steuerlich, juristisch kann ich das natürlich bewerten, was was wert ist auf der finanziellen Seite, aber es hängen ja auch oft emotionale Werte an gewissen Vermögensgegenständen, die vielleicht gar nicht so bewertet sind auf der financiellen Seite. Unsere These ist, dass wir gerne faire Nachfolgen machen, weil wir sagen, wir gehen in die Kommunikation proaktiv vor dem Testament. Besprechen das mit den Familienmitgliedern, kann es eben so sein, dass ein Kind sagt, okay, ich übernehme das operative Unternehmen. Damit trage ich natürlich auch das unternehmerische Risiko, dass das funktionieren kann oder nicht. Und der andere sagt, ich bin zufrieden nur mit dem Ferienhaus am Gardasee. Aber das gibt mir eine gewisse Stabilität und das hat nicht so viel Mental-Load, weil ich vielleicht nicht die Unternehmerin bin. Und das zu Lebzeiten zu besprechen, Malte, finde ich viel besser. Als das irgendwie anonymisiert dann über das Testament und die Testamentsvollstrecke steuerlich bewertet gleich gerecht irgendwie zu kommunizieren.
Malte Dreher Aber so eine Kommunikation, die geht ja schon in bürgerlichen Biografien manchmal schief. Also da muss man ja noch nicht mal Unternehmer sein, wenn da irgendwie die Doppelhaushälfte zu verteilen ist und man sitzt da zu viert am Tisch. Wenn wir eine ganz klassische Situation jetzt haben, der Vater hat das Unternehmen aufgebaut, Tochter oder Sohn, Anfang Mitte 30 und der Senior sagt, ich kann jederzeit loslassen, bist du dann schon bei solchen Aussagen auf Alert? Ja. Weil er das nicht kann. Also.
Marcel Megerle Ich glaube auf zwei Seiten, das eine ist das wirkliche Loslassen können und das andere, eine gute Freundin von mir, die hat über das Freiwilligkeitsmythos gesprochen und geschrieben, weil sie gesagt hat, auch genauso die Frage ist, ist es wirklich freiwillig, die Nachfolge antreten zu können oder bin ich da mehr oder weniger biografisch schon gezwungen, die Nachvollge anzunehmen? Aber dieses Loslassen... Die meisten sagen immer, wir haben keine Vorgaben, wie die Kinder das Unternehmen übernehmen sollen oder dass sie es übernehmen sollen, bin ich mir manchmal unsicher. Und das Loslassen ist natürlich extrem schwer. Diese Unternehmer haben dann oft nichts anderes neben dem Unternehmen und müssen diese neue Lebenssituation dann erst aufbauen. Also Freundschaften sind meist auch Unternehmensbezugspunkte, Kundenlieferantenfreundschaft.
Malte Dreher Und die kommen trotzdem noch zum Zeitung lesen, dann jeden Tag in den Betrieb.
Marcel Megerle Ja, nicht immer zur Freude der Kinder, weil das ist nämlich ganz spannend. Die Mitarbeiter gehen dann doch oft immer noch zu dem Senior, weil sie den natürlich gut kennen und sagen, den wissen sie, wie sie rumkriegen, um die Entscheidung so entscheiden zu lassen, dass es zu ihrem Vorteil ist. Das ist für die Nachfolger extrem schwierig.
Malte Dreher Was unterscheidet denn eine Familienstrategie von einer Familienkarte oder auch Verfassung und was gehört deiner Meinung nach da dringend rein?
Marcel Megerle Also für mich ist die Familienstrategie das Übergeordnete. So wie wir über Vermögenstrategien sprechen können oder Unternehmensstrategies ist die Familienstratergie das Mittel, um für die Familie rauszuarbeiten, was sie wirklich will. Und wenn wir das dann rausgearbeitet haben, auch z.B. Mit verschiedenen Szenarien, wie die Nachfolge aussehen kann, ist das eine familieninterne Nachfolger, ist es eine Gemischgeschäftsführung, eine Fremdgeschäftshührung, ein Unternehmsverkauf, eine Überführung in eine Stiftung. Wenn wir das wissen auf der strategischen Ebene ... Dann formulieren wir das in einer Karte, wie wir von dem heutigen Ist-Zustand in das Zukunftsbild kommen. Und das kann die Familienverfassung leisten. Deine Frage, was da drin sein soll, da soll eine gute Präambel drin sein, warum wir das überhaupt tun. Da sollen die Werte definiert werden, da sollen die Rollen definiert, da sollte das Kernanliegen definiert. Warum machen wir das, wozu machen wir, und das allerwichtigste Malte ist, haben wir auch schon drüber gesprochen, so eine FamilienverFassung muss lebendig sein. Die muss gelebt werden, nur weil wir dann das Papier erarbeitet haben, ist das Ziel nicht erreicht. Sondern wir müssen die immer wieder, wir nennen das dann Familienwaschtage, wo wir mit der Familie einmal im Jahr zusammenkommen und alle Themen einmal gut durchwaschen, damit Weihnachten, Geburtstage und Hochzeiten vielleicht nach der zweiten Flasche Wein nicht eskalieren in der Familie, machen wir an den Familienwasch Tagen das, was es braucht in der Aktualisierung der Familienverfassung. Also die muss lebendig sein. Und die muss auch zum Beispiel, weil wir gerade über die Ehepartner gesprochen werden, auch mit den Ehepaartnern besprochen werden. Warum brauche ich denn auf einmal einen Ehevertrag? Und das ist ein gutes Vehikel, um diese einheiratenden Personen auch gut in diese Familie zu inkludieren.
Malte Dreher Mit dir zusammenzuarbeiten heißt ja, dass man potenzielle Minenfelder schon wähnt und vielleicht sogar auch schon erkannt hat. Das macht deinen Job ja wahrscheinlich verhältnismäßig einfach auf der pädagogischen Begleitung. Wann knallt es denn und was musst du dann machen?
Marcel Megerle Also ich hoffe, dass es in jeder Situation, wo wir mit den Familien zusammenarbeiten dürfen, einmal oder mehrmals knallt, weil aus dieser Reibung entsteht wunderbare gute Energie, das auch prophylaktisch schon zu testen, wie wir dann in der Realität, wenn der Vermögensübertrag als Beispiel stattgefunden hat, miteinander umgehen. Also dieses Theoretische an diese Schmerzpunkte heranführen, das muss natürlich die Familie wollen und auch aushalten, wir halten dafür den Raum, dass das gelingen kann. Und dass es auch zu einem guten Ende führt, aber dieses in der Theorie, einmal an diese Schmerzpunkte ranzugehen, glaube ich, schafft eine größere Resilienz, dass es in der Zukunft auch funktioniert, wenn dann die Realität sich einstellt. Und ich glaube, es gibt zwei Punkte, warum die Familien auf uns zukommen. Einmal aus der Freude, weil sie perspektivisch etwas gestalten wollen und dieses Unternehmen-Vermögen in die nächste Generation übertragen wollen und sehr proaktiv damit angehen. Oder aus dem Leid, weil es eben schon Konfliktsituationen gibt. Der eine oder andere ist über einen der Geister unter dem Teppich drüber gestolpert, hat sich eine blutige Nase geschlagen und jetzt kommen wir dazu.
Malte Dreher Du hast gerade gesagt, dass so eine Familiencharta auch atmen muss. Sprich, die muss auch mit der Lebenswirklichkeit der Familie mitwachsen. Jetzt leben wir ja, im Vergleich zu früher oder vor 30, 40 Jahren, in einer recht modernen und pluralistischen Welt. Wir leben in Patchwork-Familien. Gleichgeschäftliche Beziehungen sind völlig normal und das ist auch gut so. Gleichwohl gibt es ja manchmal eher eine sehr traditionelle Sicht auf die Dinge. Wie viel Sprengkraft ist in solchen Themen drin?
Marcel Megerle Also, du sprichst ein wunderbares Thema an, weil das ist natürlich das größte Sprengkraftthema. Das Selbstverständnis einer Familie, die Definition einer Familie. Wer gehört dazu? Wo ist der Grenzstein, der Inklusion, der Exklusion? Und dieses neue Finden der Antworten auf, was ist Familie und wie interpretieren wir Familie? Ich gebe dir das Stichwort der Adoption. Bis zu welchem Alter ist Adoptionen erlaubt? Ist sie überhaupt erlauben? Braucht es die kirchliche, die standesamtliche Ehe als Zeichen dessen, dass wir jetzt Familienmitglieder sind? Wie geht man mit Patchwork-Situationen um? Wie geht mit Internationalisierungen um? Das sind, glaube ich, ganz neue Fragen, die es früher vielleicht in anderer Form auch schon gegeben hat, aber wir müssen die Lösungen miteinander erarbeiten. Und das patriarchale oder matriarchale Modell, einer gibt vor, funktioniert, glaube ich, heute nicht mehr so.
Malte Dreher Wie konkret darf denn so eine Familie ein Kater werden? Darf sie vorschreiben, der Partner hat jenen Glauben zu haben oder muss im Unternehmen arbeiten? Was darf da rein oder was sollte besser nicht rein?
Marcel Megerle Also, ich glaube, die Grenze ist die Sittenwidrigkeit. Diese Themen dürfen da natürlich nicht abgebildet sein. Aber das ist ja ein Dialog. Also, die Familiencharta ist ja schon ein Dialóg, der zwischen den Generationen ausgehandelt wird. Das heißt also, es kann sein, dass es an manchen Punkten ein Kompromiss geben muss. Und der kann ewig dauern, bis wir den miteinander ausgehandelten haben. Die Familiencharta ist ein emotional bindendes Dokument. Danach kommen dann die Experten, Steuerberater und Juristen, die dann diesen formulierten Willen der Familie auch in die Umsetzung bringen. Und da müssen wir halt immer gucken, Gesellschaftsrecht, Erbrecht, was ist die Dimension, in der was geregelt werden kann. Aber das hilft dann eben auch zu verstehen. Also die Familienchata ist für mich immer so der Pendel zwischen Recht und gelebter Praxis. Dazwischendrin regelt die Charta, was gelebt und verankert wird.
Malte Dreher Wenn du da am Esstisch einer Familie sitzt und gemeinsam wird eine Familienkarte entwickelt, bist du da auf jeder Position? Also verstehst du Tochter, Sohn, gleichermaßen wie Mutter und Vater? Bist du immer die Schweiz am Tisch?
Marcel Megerle Das ist unser großes Ziel, diese Neutralität zu haben und dieses Hineinfühlen auch in die einzelnen Positionen, um auch die Akzeptanz für den Prozess zu haben. Also wir sind nicht der Pferdeflüsterer, der von einer Seite beauftragt wird, um das dann durchzuziehen und die Ideen der einen Partei in die Umsetzung zu bringen, sondern wir haben große Gesellschafterkreise, die natürlich unterschiedlichste Positionen haben. Und ich finde die Konkordanzdemokratie so schön, die wir in der Schweiz haben. Also zu sagen, wir haben die Einheit durch Vielheit. Ich glaube, das, was wir hier in Deutschland politisch gerade haben, ist ja sehr viel Trennung und sehr viel Polarisierung. Aber ich in der Schweiz, als Papierschweizer, habe gelernt, wie die Konkordanzdemokratie funktioniert, dass wir eben verschiedenste Positionen in gute Mechanismen bringen, dass die Familien entscheidungsfähig werden. Weil umso größer die Gesellschafterkreise werden, umso schwieriger wird auch die Entscheidungsfindung. Und das Vermögen und das Unternehmen fordert Entscheidungen aus dem Inhaber- und Gesellschafterkreis.
Malte Dreher Du hast vorhin erwähnt, dass du dich auch wissenschaftlich mit der Partnerwahl in Unternehmerfamilien beschäftigt hast. Warum ist die Frage, wen Sohn oder Tochter heiratet, ein Family Governance Thema?
Marcel Megerle Auch da kann man natürlich streiten, ob das grenzüberschreitend ist, dass die Family Governance irgendeine Vorgabe macht, wie die Partnerwahl zu gestalten ist. Ich glaube, dass es ein Schutzmechanismus ist. Es ist ein Schutz-Mechanismus der Zersplitterung und es ist aber ein proaktives Bewusstmachen, gerade in den Fällen, die ich hatte. Wenn jetzt zwei Menschen sich gern haben, die aus ähnlichen Sozialisierungen kommen, einer Unternehmerfamilie. Dann brauchen die weniger Verständnis, weil sie das beides irgendwie, Bobbika hatten wir gerade drüber gesprochen, vorgelebt bekommen haben. Wenn die aber aus ganz unterschiedlichen Welten kommen, dann braucht es da schon viel Klärungsbedarf, warum dieses Unternehmen immer so eine Omnipräsenz hat. Warum das Vermögen immer mit am Tisch sitzt. Und das proaktiv mitzugestalten, finde ich, kann helfen, die Stabilität in der Familie zu haben, weil oft durch Scheidungen, durch Trennungen... Ist natürlich emotionales Kapital, zerstört aber auch oft auch finanzielles Kapital.
Malte Dreher Angeheiratete Partner an den Familientisch. Auf jeden Fall. Auch in den Indikator.
Marcel Megerle Das definiert die Familie, aber wir sind immer sehr dafür, dass der Kreis derjenigen, die den sogenannten Pillow-Talk haben, also nachts mit am Kopfkissen Entscheidungen im Gesellschafterkreis entscheiden, ist der Partner natürlich total wichtig. Und wenn der in den Prozess integriert wird, hat meiner Meinung nach die Karte am Ende mehr Tragfähigkeit. Aber es erhöht natürlich die Komplexität des Prozesses. Lass uns nochmal üben.
Malte Dreher Ein Exit sprechen. Plötzlich gibt es kein operatives Geschäft mehr, sondern nur noch ein sehr großes liquides Familienvermögen. Was verändert sich dadurch in einer Familie?
Marcel Megerle Ich glaube alles. Das ist diese Veränderung des mentalen Modells. Deswegen sprechen wir auch von unternehmerischen Familien. Beide sind Familien. Beide haben eine unternehmerische Tätigkeit. Ob jetzt in ihrem operativen Unternehmen oder dann mit dem Vermögen. Aber ich glaube, es muss neu ausgehandelt werden, wie wir jetzt uns selber verstehen. Wir sprechen da gerne über die Vermögenskultur. Welche Kultur geben wir jetzt unserem Vermögem? Wie wollen wir mit dem vermögen weiterarbeiten? Am Montag war ich in Zürich mit einer Familie, der Vater hat eine finanzielle Renditevorstellung und die Kinder haben eine Vorstellung von einem Impact-Wert, den wir erst noch definieren müssen, der aber in der Logik des Vaters vielleicht so gar nicht realisierbar ist oder nicht vorstellbar ist, dass das auch ein Ertrag sein kann, der sich aber vielleicht nicht im Vermögensverwalterbericht in einer direkten Performance abbildet.
Malte Dreher Aber so ein Angang hat ja schon einen gewissen konstruktiven Anstrich. Das muss doch sehr viel Spaß machen. Ja, sehr. Das ist großartig mit den...
Marcel Megerle Ins zusammenzuarbeiten.
Malte Dreher Jetzt haben aber die nächste Generation häufig ganz andere Vorstellungen von Arbeit und auch von Führung. Und mitunter auch eine sehr radikale Einstellung zum Kapital. Wie viel Anpassung kann man denn überhaupt verlangen?
Marcel Megerle Ja, du merkst, dass ich da nachdenke, weil das ist natürlich eine sehr spannende Frage, wo dann auch die Grenze überschritten wird. Wir beobachten häufig, dass die Vermögen nicht teilbar gestaltet sind. Das heißt, wenn ich ein operatives Unternehmen habe, kann ich ja nicht die Marketing-Abteilung in einer Hälfte durchschneiden und sagen, du bekommst jetzt die Hälfe der Marketing- Abteilung, die kannst du veräußern und bist dann frei. Oder wenn wir über Vermögensstrukturen sprechen, dann sind die ... Assetallokationen ja auch so oft miteinander verschränkt, dass wir gar keine Teilbarkeit des Vermögens herstellen können. Deswegen ist das schon eine Idee, diese Teilbarheit mit anzudenken, das für den Fall, dass jemand sagt, ich will damit überhaupt nichts zu tun haben und am Ende schade ich euch noch mehr durch meine Philosophie oder mein Umgang mit Geld, dass es dann möglich ist, dass da jemand rausgeht. In den klassischen Gesellschafterverträgen sind da Riesen-Abschläge formuliert. Das heißt, man kann zwar raus, aber man zahlt einen sehr hohen Preis dafür, dass man rauskann. Also die Freiheit erzielt.
Malte Dreher Und kommt auch nicht wieder rein.
Marcel Megerle Das hoffen wir, dass wir das in unseren Familienverfassungen immer wieder definieren, dass es ein Re-Exit geben kann, eine Re-Integration geben kann unter gewissen Parametern. Die sind aber zu definieren. Weil die Entscheidung, dass du jetzt raus willst, sollte vielleicht nicht für deine Kinder auf Ewigkeit gelten. Sondern es kann ja sein, dass die sich zur Familie mehr verbunden fühlen in der nächsten Generation, als es bei dir war. Weil wir den generationalen Konflikt geklärt haben. Deswegen würde ich sagen, sollten wir die Tür offen halten für die übernächste Generation, dass sie wieder rein kann.
Malte Dreher Wenn du einer Unternehmerfamilie nur eine einzige Frage stellen dürftest, um herauszufinden, ob sie wirklich nachfolgefähig ist, welche wäre das?
Marcel Megerle Ist die Familie für das Vermögen da? Oder das Vermogen für die Familie? Oder ist das Unternehmen für die Familie da? Oder das Unternehmen für die Familien?
Malte Dreher Stimmt die Gleichung, kleines Vermögen, kleine Probleme, großes Vermöge, große Probleme? Ich habe zwei kleine...
Marcel Megerle Kinder, da heißt es kleine Kinder kleine Probleme, große Kinder große Probleme. Also bei den Kindern kann ich sie noch nicht sagen, weil das erfahre ich noch selber mit meinen beiden Tschechternen, aber auf der Ebene des Vermögens würde ich sagen, die Potenzierung ist natürlich bei einem großen Vermögen noch mal deutlich mehr da. Also der Hebel der Konflikte, der ist schon erheblich da. Die Fragen sind aber überall die gleichen. Ob es ein kleines ist oder ein großes Vermögen. Die Grundsatzragen haben alle.
Malte Dreher Geht man trotzdem manchmal mit nem bisschen Demut aus solchen Gesprächen raus, wenn man in Anführungsstrichen einfache Menschen guckt, mit was für einem Leben die sich rumschlagen müssen, während andere sich da am Tischtoch zerren, wer die Yacht heute benutzen darf?
Marcel Megerle Ja, mit sehr viel Demut. Mit sehr viel Dankbarkeit, mit den Familien zusammenzuarbeiten. Die haben natürlich schon auch einen volkswirtschaftlichen Einfluss, diese Familien, wenn das nicht gut funktioniert. Wir kennen, glaube ich, alle die Zahlen, 92% aller Unternehmen sind Inhaber oder Familien geführt. Also da haben wir natürlich auch eine gesellschaftliche Verantwortung, dass das irgendwie einigermaßen funktioniert. Aber ja, ich habe da sehr viel demut und muss mich da auch immer wieder erden im Sinne von... Ich gehe zurück in die Natur, um zu spüren, was heißt es, barfuß zu laufen und nicht über den Teppich eines 5-Sterne-Konferenzraumes zu schweben.
Malte Dreher Sehr gut, bewegen wir uns gesellschaftlich in die richtige Richtung.
Marcel Megerle Also gesellschaftlich auf welcher Ebene? Ich habe eine große Begeisterung für die nächste Generation, die richtig Lust hat, was zu gestalten, die richtige Lust hat was zu machen und ich hoffe, dass wir dadurch wieder auch den Kapitalismus ein bisschen positivieren. Im Sinne von Unternehmer zu sein, unternehmerisch was zu Gestalten ist ja so eine gesellschaftsgestaltende Möglichkeit, wo ich sage Vielleicht können wir darüber auch politisch das ein oder andere beeinflussen, dass wir über Unternehmertum das als eine positivierende Kraft sehen und nicht gesellschaftlich, so wie der Tatort jeden Sonntag in die Fernseher nach Hause prognostiziert, dass der Unternehmer immer der Böse ist. Also ich glaube an die gesellschaftsgestaltende Kraft der Unternehmer und der nächsten Generation.
Malte Dreher So ist Recht. Damit hören wir auf. Vielen Dank, lieber Marcel. Danke dir, Malte.
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